Über Jean Pascal Zahn

Ursprünglich von der bildenden Kunst, genauer gesagt der Malerei kommend, hat Jean-Pascal in den 90er Jahren die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel für sich erschlossen. Elegische Portraits von Frauen in mehr oder weniger erotischen Posen waren anfangs sein Hauptsujet: Es entstand die Serie Le Rêve, ein Langzeitprojekt, welches sich bis heute ständig erweitert.

Im Laufe der Zeit kamen andere Themen und auch Auftragsarbeiten in verschiedenen thematischen Bereichen hinzu, wobei Jean-Pascal besonders gerne mit Menschen vor der Kamera arbeitet. "Die Interaktion zwischen dem Portraitierten und mir ist jedes Mal von neuem eine spannende Herausforderung. Ich muss mich in die Person einfühlen und auch dem Zufall Raum geben, damit ein gutes Portrait entsteht." sagt er im Interview.

Der Focus seiner freien Arbeiten liegt auf der Inszenierung, wobei man seine Fotografie als subjektiven Realismus bezeichnen könnte, wenn man so will. Die Betrachtung des Kunsthistorikers Sven Grünwitzki zu seiner Arbeit (weiter unten auf diesem Blog) formuliert brilliant, um was es Jean-Pascal in seiner künstlerischen Arbeit geht.

Zur Modefotografie kam Jean-Pascal durch seine Inszenierungen junger Frauen beinahe zwangsläufig. Kleidung kann Ausdruck von Gefühlen sein, von sozialer Zugehörigkeit oder auch der Sehnsucht nach dieser. Ihn interessiert dabei der Versuch, mit Kleidung zu verführen oder Wunschbilder beim Betrachter zu wecken. Kleidung, und damit Mode, ist Teil des täglichen Schauspiels, mit dem wir uns in die Personen verwandeln, die wir sein möchten. Jean-Pascal nutzt diese Funktion von Mode um seine Inszenierungen zu verorten.


Die Versuchung liegt hinter den Moden

Von Sven Grünwitzki.

Die streng kalkulierten photographischen Arbeiten von Jean Pascal Zahn entstammen dem Umfeld der Modephotographie. Schon längst haben prominente Kollegen von Richard Avedon über Helmut Newton bis zu Wolfgang Tillmanns oder Terry Richardson die engen ästhetischen Grenzen der ausschließlich kommerziellen Werbephotographie souverän gesprengt.

Anders aber als der als subkulturelle Subversion getarnte Heroin Look der Neunziger oder die absurd schrillen Extravaganzen eines David La Chapelle, deren Gesten ästhetischer Revolte in den globalen Bränden eines hypermedialen Konsums aufgingen, setzt Zahn in seinen intimen Kammerspielen hinter den Moden ruhende Augenblicke auschnitthaften Erzählens in Szene.

Die Serie Le Rêve zeigt Frauen von ausgekühlter Eleganz, manche von ihnen in sinnender Entfernung von sich selbst. Zahn folgt dabei immer einem strengen ästhetischen Kalkül. Und doch sind es Ausgriffe auf das Unbekannte des Traums. Wem aber gehören diese Träume? Den verborgenen inneren Landschaften der Gezeigten, der bildinszenierenden Projektionsmacht des Photographen oder mir, dem verführten Augentier?

Träume sind doppeldeutig und widersprüchlich, ein wenig wie die Photographie selbst in ihrer eigenartigen Verbundenheit mit dem verlorenen Moment ihrer Aufnahme. Betrachte ich die Photographien, betrachte ich auch diese Frauen. Und auch wenn in der Inszenierung alles Zufällige vermieden wird, bleibt die Photographie das Medium einer Berührung, in der sich ein Augenblick enthüllt. Das ist ihre Versuchung und das Abenteuer des Auges, in dem sich auch die chemische Natur der Erotik aufschließt. Eine Natur, die das Versteckte auf der Oberfläche einfängt und versiegelt. Ein Spiel von Häuten durchscheinender Erzählung und der Verhüllung bestechender Details. Ein zart sich öffnender Widerspruch aus Intimität und Öffentlichkeit.

Im Zauberspiegel des Photographen bewahren sich diese Frauen eine verführerisch unaufdringliche Ambivalenz aus Nacktheit und Maskierung. Es sind feminine Ikonen des Post-Pop mit einem gut dosierten Hauch kühler, dandyhafter Dekadenz. Sie erscheinen unberührbar wie Porzellan und doch entzünden sie aus einem Augenschatten, aus einer Nackenlinie, einem Haaransatz und einem Fingerspiel, aus den gerafften Falten eines Jabot auch die Verletzbarkeit alles Seelischen. Im Blick auf das Detail beginnt die Erzählung.

Dabei sehe ich nie die gesamten Körper, die ganze Frau, ich sehe nur den halbnahen Ausschnitt, in greifbarer Nähe und doch entrückt. Die Blicke bei manchen offensiv fixierend, bei anderen scheu, bei manchen entschieden abgewendet, bei anderen abgleitend oder ausweichend nach innen. Selbstsüchtig, morbide, betörend, zurückgenommen, offensiv, verspielt. Eine Vielzahl von Untertönen, von Posen und Identitäten.

Und welche Rolle spielt dabei das Interieur? Das Bett mit seinem Laken, der Spiegel, das Klavier, die Kleidung. Wie beeinflusst die Zusammensetzung der Requisiten die Konstruktion der dargestellten Person? Wie unterschiedlich halten Gemma und Lorena den eigenartigen Fliegenpilzgummiball, das Rund der Welt, das Spielgerät in den anziehend giftigen Farben der Verführung. Welche Geschichte erzählt die verschrobene Schrankwand hinter Lorena oder die kalte Perspektive des gefliesten Steinintarsienimitats unter Gemma.?

Gehe ich denn dem Bild auf den Leim? Wird das Photo so transparent, dass ich eine dieser Frauen erkennen kann? Sehe ich sie überhaupt? Bin ich tatsächlich mit ihnen liiert? Oder tauchen aus ihnen all die ungeheuren Phantasmen auf, vermischen sich in ihnen bildliche Rückbezüge? Sehe ich den Akt in Bettina, sehe ich Chambre Close, seh ich ihr Gesicht, seh ich ein Moment des malerisch Maskierten, das Cindy Shermann einsetzt. Und aus diesem wiederum wie auch aus dem Farbklima steigt unwiderstehlich Caravaggio auf. Der ins Vage zurücktretende, schattig grünstichige Hintergund, vor dem das drapierte Tuch wie ihre Lippen leuchten, hauthell das Inkarnat, rötlich aufflammend das rote Haar – der Maria Magdalena. In Michikos Nacken, in ihrem katzengleich gerundetem Rücken, in ihrer Armbeuge nisten Balthus (La Patience) und Vermeer (Briefschreiberin, Virginalspielerin).

Im Delta ihrer Einflüsse vermischen sich das aufbäumende Verlangen mit der Hingabe ans Nebensächliche, die Alltäglichkeit versunken vollzogener Tätigkeit mit den Abwegen der Sinne, die Unterschwelligkeit des Traums mit den Unschärfen des Verlangens, die kühle Eleganz des Stofflichen mit der beugsamen Geometrie der Körper, die Spiegelungen im Lack mit der uralten Instrumentierung der Lust.

Das schmiegsame Licht, das die Körper einfängt. Die weichen Schatten. Der Glanz der Perle, die Michiko nicht trägt. Wer ist die Unbekannte? Wer der Meister des Lichts? Was das Bindemittel des Bildes? Ich sehe die Augen, die diese Frauen gesehen haben. Und ich sehe die Augen dieser Frauen, ihre Körper und ihre Verkleidung – ihr Bild, das zurückblickt. Und ich blicke zurück – hinter die Moden und hinter die Bilder.

Oscar Wilde, unumstrittene Instanz in allen Fragen der Dekadenz, der Oberfläche und der Mode sah nicht nur das wahre Geheimnis der Welt im Sichtbaren, er empfahl auch, man solle den Versuchungen nachgeben. Denn: Wer weiß, ob sie wiederkommen! Jean Pascal Zahns Photographien verströmen diesen diskreten Charme der Versuchung, einer Versuchung zum Augenschließen, der ich gerne erliege.

(erschienen auf qjubes.com 2011)